Homo Digitalis – Oder: Der digitale Depp

Als Wissensmanager ist es unsere Aufgabe, Ignoranz und Unwissenheit zu erkennen. Und zu bekämpfen!

PlanAber:
Ist das wirklich die Aufgabe des Wisensmanager?
Und sind wir als Wissenmanager die Lösung, oder eher Teil des Problems?

Anittra Eggler hat sich mit Verve und tiefen Kenntnissen der digitalsierten Welt und der „unsmarten“ Nutzung von technischen Gadgets in ihrem Buch

"Mail halten!"

auf humorvolle (Galgenhumor?) und sehr eindringliche Weise beschäftigt.

Die folgenden Aussagen stammen aus ihrem Buch und werden unkommentiert, ohne Ergänzungen oder Auslassungen zitiert.

MAXIMAL RADIKAL,   MAXIMAL UNPOPULÄR,  MAXIMAL WIRKUNGSVOLL:   15  FORDERUNGEN

1  HANDYVERBOT  IM  AUTO  UND  IM  BUNDESTAG,   IN  SCHULEN,  IN  KINDERZIMMERN,  AM  ESSTISCH  UND  IM  BETT

Bis es Gesetze gibt: vorleben und Fehlverhalten radikal sanktionieren!

2  PRIVATHANDY-VERBOT  AM  ARBEITSPLATZ, FIRMENHANDY-VERBOT  ZUHAUSE

Wer  ständig  semiprofessionell  und  semiprivat  ist,  leistet  weniger,  ist unglücklicher, wird häufiger krank. Diese Trennung verbessert das Jahresergebnis und die Kussbilanz und widerspricht nur auf den ersten Blick der Arbeit im Home Office. Auf den zweiten Blick: Der Mensch muss Hirn an- und Dauerablenkung abschalten lernen und in der Lage sein, diesen Modus seinem Lebens- und Arbeitsziel anzupassen.

3  IT-GESTEUERTE  FIXE  E-MAIL-ZEITEN  IN  FIRMEN

Maximal dreimal am Tag E-Mails ausliefern, erste Auslieferung erst  30 Minuten nach Dienstbeginn, so haben Mitarbeiter Zeit für Planung und Priorisierung. Letzte Auslieferung: 60 Minuten vor Dienstschluss.

4  KEINE  FIRMENMAIL-ZUSTELLUNG  MEHR  IM  URLAUB,   NACH  FEIERABEND,  AN  FEIERTAGEN  UND  AM  WOCHENENDE

Wer ständig erreichbar ist, brennt aus. Das kostet langfristig mehr, als Mitarbeiter zu schulen, Software und Medien smarter und effizienter zu nutzen, um dadurch in weniger Zeit bessere Ergebnisse zu erzielen.

 5  NEUE  SCHULFÄCHER:  PROGRAMMIEREN  UND  MEDITIEREN

Aber zuerst gibt es die für Lehrer! Plus: Digitale Didaktik. DANKE!

6  BETREUTER  KONSUM  FÜR  KINDER

Smartphones machen so süchtig wie Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel und Liebe zusammen. Smartphones vereinen alle Sucht-Trigger in einem Gerät und sind der mächtigste Dopamin-Dealer und Ego-Booster von allen. Genau deshalb ist inzwischen auch alle Welt derart angefixt. Inzwischen gibt es sogar ein Buch zum Thema, das nicht von einem kulturpessimistischen Internet-Verweigerer, sondern von einem smarten, internetaffinen Journalisten geschrieben wurde: »Irresistible: The Rise of Addictive Technology and the Business of Keeping Us Hooked« ist im März 2017 bei Penguin Books erschienen. Adam Alter heißt der Autor, dessen Werk Sie lesen sollten. Zurück zu Ihren Kindern. Ich kann Ihnen nicht sagen, bis zu welchem Alter Smartphones tabu sein sollten und ab welchem Alter betreuter, zeitlich streng limitierter Konsum für Kinder sinnvoll ist. Denken Sie einfach daran, wann und wie Sie Ihr Kind zum Thema Alkohol, Zigaretten, Sex, Porno und Glücksspiel aufklären werden und wie Sie ihm einen sinnvollen Umgang vorleben und beibringen.  Genauso machen Sie es dann mit dem Handy.

7  BEIPACKZETTEL FÜR  SMARTPHONES

Zu  Risiken  und  Nebenwirkungen  fragen  Sie  bitte  den  Dealer  Ihres  Misstrauens. Wenn Smartphones dieselbe Suchtwirkung haben wie rezeptpflichtige oder illegale Drogen – viele Studien beweisen das, ebenso viele das Gegenteil – dann brauchen wir Beipackzettel und Rezepte. Weil es die nicht rechtzeitig geben wird, müssen wir sie uns selbst ausstellen und mit Menschenverstand unterzeichnen.

8  ALTERSBEGRENZUNG  UND  AMPELSYSTEME  FÜR  APPS:   DOPAMIN-DEALER  UND  DATENBAGGER  KENNZEICHNEN

Das gilt für Apps, aber genauso für Social Media – es kann nicht sein, dass Kinder vor den Augen von Eltern und Lehrern Spiele und Medien nutzen, die süchtig machen und/oder nicht jugendfrei sind. Apps müssen auch für Erwachsene gekennzeichnet werden hinsichtlich Sucht- und Ablenkungsfaktor sowie Datenbaggertiefe und -gefahrenstufe.

9  MAXIMALE  STRAFEN  (ERST  GELD,  DANN  FÜHRERSCHEIN)  FÜR   HANDYNUTZENDE  VERKEHRSTEILNEHMER,  FUSSGÄNGER  INKLUSIVE

Beispiel Schweiz: Warum fährt dort niemand freiwillig zu schnell? Weil es so viel kostet. Handynutzung im Verkehr ist genauso tödlich wie Alkohol am Steuer. Ich bin begeisterte Weintrinkerin und genau deshalb für 0 Promille.

10   DIGITALER  DEPPENTEST  FÜR  ALLE

Was sind Algorithmen?  Wie funktionieren Suchmaschinen? Wie groß ist das Monopol von Google und was bedeutet das? Welche Daten werden gespeichert, was kann damit passieren? Woran erkenne ich einen Bot? Woran erkenne ich Phishing? Wie schütze ich mich vor Hackern? … Wir brauchen einen digitalen Deppentest für alle, die Digitales nutzen. Die Frage ist nur, wer die Fragen stellt, die Antworten bewertet und das Ergebnis exekutiert. So lange es das nicht gibt (gibt ja auch noch keinen Vollidiotentest für Opfer der Tabakindustrie), muss sich jeder selbst aufschlauen und sein eigenes digitales Bullshitradar sein.

11   WIR  BRAUCHEN  MEHR  DIGITAL  GEBILDETE  GASTARBEITER,   WIR  MÜSSEN  HACKER  ZU  HÖCHSTPREISEN  EINKAUFEN

Der vernichtende Hackerangriff auf den Bundestag im Jahr 2015[4]  beweist: IT-Sicherheitstechnisch ist Deutschland so gut aufgestellt wie eine berittene Armee, die einen Atomkrieg gewinnen will. Ausbildung dauert zu lange.  Wir müssen Hacker einkaufen, die  unsere  IT-Leute  trainieren und Politiker, Richter, Polizisten, Lehrer und Eltern am besten gleich mit! Rechnen Sie hier mit den üblichen Waffenmarktpreisen und schlagen Sie 100 Prozent drauf – das ist Angebot und Nachfrage. Weitere Herausforderung: Solche Leute kommen nur, wenn auch die Firmenkultur stimmt. Wir müssen Arbeitsbedingungen schaffen und Firmenkulturen leben, die unter »Digitalisierung« und »New Work« mehr verstehen als einen Internetanschluss und ein Firmenhandy.

12   WIR  BRAUCHEN  PUTZKRÄFTE  FÜRS  INTERNET  UND   WÄCHTER  ÜBER  WERBUNG  UND  WAHRHEIT

Hasskommentare, Anstiftung zum Suizid, Gebrauchsanleitungen für Terrortaten,  Bots,  die  Wahlkampf  machen,  Algorithmen,  die  uns  Relevanz und Wahrheit vorgaukeln – wir brauchen Putzkräfte und Qualitätswächter für das Internet. Wir brauchen klarere Kennzeichnungen von Werbung, Klickprovisionen und bezahlten Postings von so genannten »Influencern« – das sind Werbeprostituierte mit großer Lemminggefolgschaft auf dem Weg ins digitale Verblödungsmeer.

13   WIR  BRAUCHEN  DIGITALE  GRUND- UND  MENSCHENRECHTE,   DAS  RECHT  AUF  UNERREICHBARKEIT,  AUF  DIGITALES  VERGESSEN, AUF  DATENHOHEIT  UND  INFORMATIONELLE  SELBSTBESTIMMUNG

Diese und andere Rechte fordert die »Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen  Union«. Die Ideen sind großteils von 2014, aber immer noch brandaktuell und dringend umsetzungswert. Sie können die Charta auf der Website der Initiative runterladen: www.digitalcharta.eu. Während die Charta-Verfasser sich aktuell vor allem selbst und ihre Machtlosigkeit diskutieren, können Sie dann einen Schritt weitergehen und handeln!

14   WIR  BRAUCHEN  LANGSAMES  DENKEN  UND  SCHNELLES  HANDELN. WIR  BRAUCHEN  ENTSCHLOSSENHEIT,  MUT  UND  KLARHEIT.   WIR  BRÄUCHTEN  MEHR  ZEIT,  ABER  DIE  HABEN  WIR  NICHT  MEHR

Für das meiste kommen Politik, Gesetze und Lehrpläne zu spät. Deshalb hilft nur eines: Helfen Sie sich selbst!

15   WIR  BRAUCHEN:  UNS,  UNS  MENSCHEN!

Jeder, der Mut und Tatkraft hat, ein Mensch ist und ein Herz hat, das noch ohne Strom schlägt, kann und muss jetzt handeln. Vorleben ist die beste Medienkompetenzschule. Fangen Sie bei sich an. Kurieren Sie die Krankheiten des gemeinen Homo Digitalis, dann stecken Sie andere an – mit einem gesunden System, das das Beste aus der analogen und digitalen Welt für sich zu nutzen weiß.